Grundlegende Forschung

Das akademische Fundament hinter meiner Arbeit

„Mind the Gap — or c'est le ton, qui fait la chanson: Wie lässt sich eine gerechte Verantwortungsverteilung in globalen Produktionsnetzwerken etablieren, und welche Rolle spielt Technologie in diesem Kontext?“

Institution
TU München · M.A. RESET
Eingereicht
Januar 2022
Wortanzahl
26.677
Befragte Unternehmen
7 in 5 Ländern

Forschungsergebnisse

Die Frage, die alles ins Rollen brachte

Globale Produktionsnetzwerke umfassen Dutzende von Unternehmen in mehreren Ländern — und alle treffen Entscheidungen, die Menschen und den Planeten betreffen. Die Marken an der Spitze werden zunehmend für all das verantwortlich gemacht. Aber Verantwortung, die nur von oben nach unten fließt — ohne Kapazitäten, Unterstützung oder Stimme für die Akteure am unteren Ende —, ist keine Verantwortung. Es ist Ausbeutung im Gewand der Nachhaltigkeit. Meine Forschung hat gefragt: Wie baut man ein Produktionsnetzwerk, in dem Verantwortung wirklich geteilt wird — und nicht nur eingefordert? Ich habe sieben Unternehmen befragt, die gemeinsam zum Produktionsnetzwerk einer Modemarke beitragen — zunächst einzeln, dann in einem gemeinsamen Workshop. Was ich herausgefunden habe, hat mein Denken über Lieferketten grundlegend verändert. Die wichtigste Erkenntnis: Unternehmensverantwortung und Produktverantwortung müssen getrennt behandelt werden. Jedes Unternehmen in einem globalen Produktionsnetzwerk ist ein eigenständiger Akteur mit seinen eigenen Einschränkungen, Kapazitäten und Pflichten. Produktwirkung lässt sich nicht steuern, indem man Lieferanten als verlängerten Arm der Marke behandelt. Man muss mit ihnen sprechen — nicht über sie. Technologie spielt eine Rolle — aber sie ist ein Werkzeug, keine Lösung. Die digitale Infrastruktur, die Transparenz ermöglichen soll, reproduziert häufig dieselben Machtungleichgewichte der analogen Welt. Daten ohne Vertrauen sind nichts anderes als Kontrolle in großem Maßstab.

Vier Erkenntnisse, die meine Arbeit bis heute prägen.

Erforscht 2022. Vier Jahre später in jedem Kundengespräch erneut bestätigt.

01

Alle geben ihr Bestes

Alle Akteure im Produktionsnetzwerk — Marke, Lieferanten, Agent — handelten nach bestem Wissen und Gewissen, innerhalb der Grenzen ihrer Position. Moralisches Versagen war nicht das Problem. Fehlende strukturelle Klarheit war es. Deshalb zeige ich nicht mit dem Finger und suche schlechte Akteure. Ich suche nach kaputten Systemen.

02

Nachhaltigkeitsimperialismus ist real — und kontraproduktiv

Wenn Marken Nachhaltigkeitsanforderungen an Lieferanten weitergeben, ohne deren Kontext zu verstehen, ohne Kapazitätsaufbau zu ermöglichen oder den wirtschaftlichen Nutzen zu teilen — ist das Ergebnis Compliance auf dem Papier, keine Veränderung. Der Ansatz, der das Problem geschaffen hat, kann es nicht lösen.

03

Unternehmensverantwortung und Produktverantwortung trennen

Keine Seite kann die unternehmensinternen Entscheidungen der anderen regeln. Eine Marke kann einem Lieferanten nicht vorschreiben, wie er seine internen Managementsysteme, seine Unternehmensführung oder seine Löhne gestaltet. Ein Lieferant kann einer Marke nicht vorschreiben, was sie ihren eigenen Mitarbeitenden zahlt. Beide sind eigenständige Akteure. Was sie gemeinsam verantworten, ist das Produkt — wie es hergestellt wird, unter welchen Bedingungen, mit welchen Materialien. Aktuelle Audit-Systeme drehen das um: Sie fordern Compliance auf Unternehmensebene und verfehlen dabei die tatsächliche Verantwortung auf Produktebene vollständig.

04

Technologie folgt Vertrauen — nicht umgekehrt

Software-Implementierungen scheitern, wenn das menschliche System dahinter nicht bereit ist. Vertrauen, Dialog und gemeinsames Verständnis müssen zuerst entstehen. Technologie ist die Infrastruktur für das, was Vertrauen bereits aufgebaut hat — kein Ersatz dafür.

Forschungsschlagworte - bewusst auf Englisch; im internationalen Diskurs gebräuchlich und präziser als jede Übersetzung.

Equitable Responsibility DistributionGlobal Production NetworksSustainability ImperialismSupply Chain EthicsTechnology & TransparencyCorporate vs. Product ResponsibilityEthics of CareMulti-stakeholder DialogueFashion IndustryTU München · M.A. RESET

Eine Anmerkung zum Ursprung dieser Arbeit

Der Ausgangspunkt dieser Forschung ist Verantwortung — und ihre Verteilung in globalen Produktionsnetzwerken. Ihr Antrieb ist ein tief verwurzeltes Gerechtigkeitsgefühl. Ich habe durchgehend in der ersten Person geschrieben, weil eine distanzierte akademische Sprache für ein Thema dieser menschlichen Dimension unehrlich gewesen wäre. Ich möchte klar festhalten: Diese Forschung wurde nicht verfasst, um die Ansätze globaler Akteure zur Übernahme von Verantwortung zu bewerten oder zu verurteilen. Sie ist vielmehr ein Referenzpunkt, um Transformationspotenzial aufzudecken. Ich möchte bestehende Ansätze kritisch hinterfragen — und dabei nicht vergessen, dass genau diese Ansätze uns dorthin gebracht haben, wo wir heute stehen. Das ist nicht nichts. Es ist ein Ausgangspunkt. Vier Jahre später, in der täglichen Arbeit mit Unternehmen an Lieferkettenintegrität, kehre ich immer wieder zu diesen Seiten zurück. Nicht weil sie alle Antworten haben — sondern weil sie die richtigen Fragen stellen.

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